Luopan, der Feng Shui Kompass

Veröffentlicht am Dienstag, 10. März 2015 von
Luopan © powerofforever / istockphoto.com

Luopan, der Feng Shui Kompass ist das wohl auffälligste Werkzeug des Feng Shui Beraters. Er besticht durch seine beeindruckende Komplexität und gleichzeitige Genialität, denn auf kleinstem Raum bietet er Platz für viele wichtige Feng Shui Formeln. Doch ist der Luopan in der heutigen Praxis wirklich noch wichtig oder genügt nicht auch ein ganz normaler Kompass? In diesem Artikel lade ich Sie ein, dieses faszinierende Werkzeug des professionellen Feng Shui und seine Anwendung etwas näher kennenzulernen.

 

Das Wort Luopan

Schriftzeichen Luopan, der Feng Shui Kompass

Die Schriftzeichen Luopan (oft auch Lo Pan oder Luo Pan geschrieben) bedeuten übersetzt soviel wie „Netzplatte“. Das Netz kann als ein metaphysisches Netz verstanden werden, das alles umspannt und als Aufhängung für die Struktur (Li) dient. Die Struktur hängt wiederum eng mit Qi zusammen. Vereinfacht gesagt liegt in der Struktur alles Potenzial und sie verwirklicht sich durch das Qi in der Welt. Der Luopan soll nun diese Strukturen berechnen, damit wir das Qi aktiv beeinflussen und seine bestmögliche Verwirklichung herbeiführen können. Übrigens wird die Schule des Feng Shui, die sich mit der Berechnung der Potenziale auseinandersetzt und den Luopan als Hauptwerkzeug verwendet, oft als Kompassschule bezeichnet. Tatsächlich bedeutet ihr chinesischer Name, Liqi Pai, jedoch wörtlich „Struktur-Qi-Schule“ und weist auf die Wichtigkeit und Verbundenheit dieser Konzepte hin.

 

Die Entwicklung des Luopan

Schriftliche Quellen ermöglichen es, die Verwendung des Magnetkompass in China bis auf das Jahr 400 v.Chr. zurückzuverfolgen. Schwieriger ist es jedoch zu bestimmen, ab wann der Kompass in Gestalt des Luopan für Feng Shui-Zwecke erstmals in Erscheinung tritt. Der Vorläufer des Luopan, der für astronomische und divinatorische Zwecke verwendete Shipan („ Musterplatte“) war schon seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. in Gebrauch, doch er besaß noch keinen integrierten Magnetkompass. Gesichert ist zumindest, dass der Luopan mindestens seit der Tang-Dynastie (618 – 906 n. Chr.) als Kompass und gleichzeitige Formelsammlung verwendet wurde. In dieser Dynastie entwickelte der berühmte Feng Shui-Meister Yang Yunsong (834 – 900) verschiedene Kompassformeln, die noch heute auf dem Sanhe Luopan zu finden sind. Bis in die frühe Qing-Dynastie (1644 – 1912) wurde der Sanhe Luopan stetig erweitert, indem verschiedene Feng Shui-Meister zusätzliche Formelringe entwickelten, die sich hauptsächlich mit der Bewertung von Landschaftsformationen beschäftigten.

Es gibt heutzutage drei verschiedenen Luopan Typen: Sanhe, Sanyuan und Zonghe. Während der Sanhe und Sanyuan Luopan auf jeweils unterschiedlichen Systemen und Grundformeln basieren, ist der Zonghe Luopan ein Mischkompass, der Formeln beider Systeme aufweist. Diese moderne Variante des Luopan erfreut sich heutzutage zunehmender Beliebtheit, doch muss stets abgewägt werden, welche Formeln man selbst in der Praxis braucht und welche nicht.

Der Sanyuan Luopan geht auf die Theorien des Feng Shui-Meisters Jiang Dahong (1616 – 1714) zurück. Obwohl die Hexagramme des Yijing teilweise auch auf dem Sanhe Luopan zu finden waren, nutzt erst der Sanyuan Luopan das Potenzial der Hexagramme für die Feng Shui Analyse. Hier steht die Bewertung zyklischer, zeitlicher Einflüsse besonders im Vordergrund.

 

Der Aufbau des Luopan

Luopan, der Feng Shui Kompass

Ein Luopan besteht aus insgesamt drei Bauteilen. Der Waipan („äußere Platte“) ist die quadratische Basisform, die das Anlegen des Luopan an gerade Oberflächen erlaubt und so die genaue Messung der Ausrichtung von Häusern und deren Bezugspunkte ermöglicht. Der moderne Luopan besitzt zudem noch eine oder zwei Libellen, die es ermöglichen den Luopan so gerade wie eine Wasserwage anzulegen. Der Neipan („innere Platte“) ist eine drehbare Scheibe, die die Gravuren oder Aufdrucke der einzelnen Formeln in Form von chinesischen Schriftzeichen auf konzentrischen Ringen (Ceng) aufweist. Die Anzahl der Ringe reicht von etwa 4 bei den kleinsten Modellen bis 42 bei den größten Modellen. In den meisten Fällen besteht der Neipan aus einem einzigen drehbaren Teil, obwohl es vereinzelt Luopan Modelle mit einzelnen, individuell drehbaren Ringen gibt. Das ist besonders sinnvoll für Formeln, deren Bezugspunkte sich je nach verschiedenen Zeitzyklen verändern. Sind diese Ringe nicht drehbar und Formel nicht mehr aktuell, so muss der Feng Shui Berater die Formel im Kopf anpassen oder auf dem Papier bzw. Computer anwenden. Das Zentrum des Luopan ist der Tianchi („Himmelsteich“), der eigentliche Magnetkompass. Er verfügt traditionell über Markierungen, die die Ausrichtung des Luopan nach Süden ermöglichen, und zur Auswertung der Messergebnisse verlaufen zudem kreuzförmige Schnüre über dem Magnetkompass zusammen.

Der Luopan ist in Gesamtgrößen von etwa 6 cm bis 1 m Durchmesser erhältlich. Je Größer der Luopan, desto genauer das Messergebnis, jedoch ist der Transport der größten Modelle sehr umständlich. Auf dem Markt gibt es unzählige Modelle und selbst bekannte Online-Versandhändler führen verschiedene, günstige Versionen. Ein echter, für die Praxis in der Feng Shui Beratung nutzbarer Luopan ist jedoch selten unter der Preisgrenze von 200 Euro erhältlich. Der Luopan ist ein Präzisionsinstrument, jede Gravur (oder jeder Aufdruck) muss bis aufs Grad genau sein, während der Magnetkompass zuverlässige und präzise Messungen ermöglichen muss.

Feng Shui Meister lassen sich oft einen individuellen Luopan anfertigen, der je nach Formelbedarf bestimmte Ringe aufweist. Meister, die auch im „Westen“ unterrichten, bieten den Luopan ihrer Schule auch manchmal mit übersetzten Ringen an. Das Problem bei einer vollständigen Übersetzung des Luopan ist jedoch immer der Platz. Chinesische Schriftzeichen ermöglichen es, ungeheuer viel Information auf kleinstem Raum zu transportieren. Jede Übersetzung auf dem Luopan muss daher immer einem Kompromiss zwischen Information und Platzbedarf genügen und oftmals enthalten übersetzte Luopan Modelle viele Abkürzungen, die ihrerseits verstanden und gelernt werden müssen. Der rein chinesische Luopan mag zunächst einschüchternd wirkend, doch tatsächlich besteht der Großteil der Formeln aus Kombinationen weniger Schriftzeichen.

 

Besonderheiten des Sanhe Luopan

Für den Sanhe Luopan sind die wichtigsten Bestandteile die 10 Himmelsstämme und 12 Erdzweige. Die meisten Formeln des Sanhe bestehen aus den insgesamt 60 möglichen Kombinationen der Himmelsstämme und Erdzweige, wobei jede einzelne Kombination für besondere Qi-Qualitäten steht, die sogenannten Nayin (mehr zu diesem Thema finden Sie im Artikel über die chinesischen fünf Wandlungsphasen). Beispiele hierfür sind die Formeln und Ringe der 60 und 72 Drachen.

Die Formeln des Sanhe Luopan beschäftigen sich in erster Linie mit dem Einfluss der umgebenden Landschaftsmerkmale. So beziehen sich einige Formeln auf den Einfluss von Bergen (oder hohen Gebäuden in Städten) und andere auf den Einfluss von Wasserflächen und Wasserläufen (oder Straßen in Städten). Abhängig von der Ausrichtung und Lage des zu untersuchenden Grundstücks oder Hauses kann so die Qualität des vorherrschenden Qi genau bestimmt werden.

 
Die drei Ringe der 24 Berge auf dem Sanhe Luopan
Die drei Ringe der 24 Berge auf dem Sanhe Luopan
 

Der Sanhe Luopan ist unter anderem leicht an seinen drei Ringen der 24 Berge erkennbar. Die 24 Berge setzen sich aus den vier Trigrammen der Nebenhimmelsrichtungen (Qian, Kun, Gen, Xun), den 12 Erdzweigen, sowie 8 der 10 Himmelsstämme zusammen und auf dem Luopan nimmt jeder dieser 24 Berge Bereiche von genau 15° ein. Die zwei Himmelsstämme der Wandlungsphase Erde (Wu und Ji) werden traditionell der Mitte zugeordnet und sind somit richtungslos. Benannt nach den drei Wirkungsebenen gibt es einen 24 Berge-Ring der Erde (genannt Dipan, Erdplatte), einen Ring des Menschen (genannt Renpan, Menschenplatte) und einen Ring des Himmels (genannt Tianpan, Himmelsplatte). Vereinfacht gesagt stellt die Erdplatte die korrekte magnetische Ausrichtung dar, während die Menschen- und Himmelsplatte jeweils um 7,5° versetzt sind, die Menschenplatte gegen den Uhrzeigersinn und die Himmelsplatte im Uhrzeigersinn. Je nach Formel werden die Messergebnisse bestimmter 24 Berge-Ringe herangezogen, so werden Wasserläufe im Sanhe beispielsweise mit der Himmelsplatte gemessen.

 

Besonderheiten des Sanyuan Luopan

Beispiel für die Sanyuan Wassertechnik Longmen Baju
Beispiel-Ring für die Sanyuan Wassertechnik Longmen Baju
 

Auch auf dem Sanyuan Luopan finden wir die 24 Berge, hier jedoch nur einmalig in Gestalt des 24-Berge-Rings der Erde (Dipan). Charakteristisch für diesen Luopan Typ sind Formeln wie Xuankong Dagua oder Wassertechniken wie Longmen Baju (auch bekannt als Qiankun Guobao), die sich auf die Wandlungen der Trigramme und Hexagramme (Gua) des Yijing beziehen, sowie Formeln mit zyklisch wechselnden Qualitäten. Das bekannteste Beispiel für die Analyse unterschiedlicher zeitlicher Einflüsse sind die fliegenden Sterne, Xuankong Feixing. Nach der Methode des Sanyuan unterliegen die Qi-Qualitäten der fliegenden Sterne den Einflüssen von insgesamt neun unterschiedlichen Zeitperioden. Einige Sanyuan Luopan Modelle reservieren sogar Ringe für die Angabe vollständiger fliegende Sterne-Muster.

 

Der Luopan in der heutigen Praxis

Heutzutage stehen dem Feng Shui Berater wesentlich mehr Möglichkeiten für die Messung und Analyse offen als vor Hunderten von Jahren. Je nach Anspruch kann auch ein gewöhnlicher Peilkompass ausreichen, um die Ausrichtung des Objekts festzustellen, doch diese Messergebnisse müssen immer mit den Feng Shui Formeln abgeglichen werden: Zunächst mit dem Trigrammbereich (den 8 Himmelsrichtungen, je 45°), dann mit den 24 Bergen (je 15°) und so weiter, je nachdem welche Formeln zur Anwendung kommen sollen. Wird ein Luopan verwendet, so kann man sich diese manuellen Arbeitsschritte sparen, denn der Luopan liefert alle Ergebnisse auf einen Blick. Trotz aller technischer Möglichkeiten ist der Luopan auch heute noch ein sehr praktisches Instrument für den Feng Shui Berater.

 

Quellen:

Kubny, Manfred (2008): Feng Shui: Die Struktur der Welt. Klein Jasedow: DrachenVerlag GmbH

Skinner, Stephen (2008): Guide to the Feng Shui Compass: A Compendium of Classical Feng Shui. Singapur: Golden Hoard Press

 
 

Dieser Artikel wurde verfasst von Felix Niakamal

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.