Grundlagen des Feng Shui: Wuxing, die fünf Wandlungsphasen

Veröffentlicht am Freitag, 12. Dezember 2014 von
Das System der chinesischen fünf Wandlungsphasen ist neben Yin und Yang und dem Konzept des Qi ein Grundpfeiler der chinesischen Wissenschaften. Es soll dem Menschen helfen, sich selbst und die vielfältigen Formen der Lebenskraft der Natur besser zu verstehen, denn alle Dinge lassen sich durch die fünf Wandlungsphasen Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser treffend unterscheiden. In diesem Artikel nehmen wir die Hintergründe dieses Konzepts unter die Lupe und zeigen seine Verbindung zum Feng Shui.
Die fünf Wandlungsphasen
 

Elemente oder Wandlungsphasen?

Schriftzeichen Wuxing fünf Wandlungsphasen

Oft werden die fünf Wandlungsphasen als Elemente bezeichnet. Zwar liegt der Vergleich mit den vier Elementen Luft, Feuer, Erde, Wasser der alten Griechen nahe, jedoch sind die chinesischen fünf Wandlungsphasen keine statischen Kräfte, sondern dynamische Prozesse. Die Schriftzeichen für den Begriff der fünf Wandlungsphasen, Wuxing machen dies deutlich: Wu ist die Zahl Fünf, Xing steht für „gehen“ oder „zirkulieren“. Die Wandlungsphasen sind Ausdrücke des Lebenskraftkonzepts Qi, das sich stets verändert. Erst durch die fünf Wandlungsphasen nimmt das Qi beschreibbare Formen an.

 

Die Hintergründe der fünf Wandlungsphasen

Dieses Konzept wurde ab 400 bis 300 v. Chr. entwickelt und stetig verfeinert. Während die fünf Wandlungsphasen zunächst landwirtschaftliche Prozesse und Zyklen beschrieben, wurden ihnen über die Jahrhunderte viele weitere Bedeutungen zugemessen.

Um Ihnen einen ersten Überblick über die unzähligen Attribute zu geben, hier eine Liste mit einigen der möglichen Zuordnungen:

  • Formen
  • Farben
  • Materialitäten
  • Landschaftsformen
  • Klima
  • Jahreszeiten
  • Töne
  • Persönlichkeiten
  • Emotionen
  • Tugenden
  • Richtungsqualitäten
  • Organe
  • Geschmacksarten
  • Usw…

Laut Xu Shen, einem konfuzianistischen Gelehrten aus der Zeit des ersten bis zweiten Jahrhunderts vor Christus, sollen sich die Qualitäten der Wandlungsphasen unter anderem aus Wortverwandtschaften ihrer chinesischen Namen ableiten. So soll Holz (Mu) von Mao (emporsteigen, in die Höhe schießen) stammen, Erde (Tu) von Tu (herausbrechen, zum Vorschein kommen) und Metall (Jin) von Jin (stoppen, einschließen). Dem chinesischen Text Baihutong (ca. 80 n. Chr.) nach soll sich zudem die Eigenschaft des Feuers (Huo), Materie in Energie zu verwandeln, in der Wortverwandtschaft mit Hua (verwandeln) widerspiegeln. Nur für die Wandlungsphase Wasser gibt es keine derartige Assoziation.

In der Realität treten die Wandlungsphasen allerdings sehr selten klar getrennt voneinander auf. Denken Sie beispielsweise an ein Gemälde oder Kunstobjekt. Neben den Farben und Formen können diese ganz unterschiedliche Emotionen in uns ansprechen. Es ist dann die Aufgabe eines erfahrenen Feng Shui-Beraters, all die unterschiedlichen Qualitäten zu erkennen und sie mit Ihrer Wahrnehmung zu vergleichen.

 

Die fünf Arten der Interaktion der Wandlungsphasen

Der Zyklus der Wandlungsphasen

Die Interaktion der fünf Wandlungsphasen wird durch zwei große Kreisläufe beschrieben: dem Kreislauf des Erzeugens und dem Kreislauf der Überwindung. Der äußere Kreis auf der Grafik beschreibt die Erzeugung: Holz verbrennt und erzeugt Feuer, Feuer wird zu Asche und erzeugt die Erde, die Erde bringt Mineralien wie Metall hervor, Metall verflüssigt sich und nimmt die Eigenschaften des Wassers an, und Wasser lässt die Pflanzen, das Holz wachsen.

Die Pfeile in der Mitte der Grafik zeigen den Kreislauf der Überwindung: Holz entzieht der Erde Mineralsto­ffe und durchbricht sie, die Erde absorbiert Wasser und begrenzt seinen Fluss, Wasser löscht das Feuer, das Feuer schmilzt Metall und Metall schneidet und spaltet das Holz. Sind die Kräfte der Überwindung jedoch zu schwach, um eine Wandlungsphase zu überwinden, spricht man vom Verhöhnen der Wandlungsphasen. Einen Großbrand kann man nicht mit einem kleinen Eimer voll Wasser löschen. Obwohl hier in der Theorie Feuer immer durch Wasser überwunden werden kann, kommt es in der Realität auch auf die Kräfteverhältnisse an.

Bleiben wir bei dem Beispiel der Wandlungsphasen Feuer und Wasser, um die letzten beiden Arten der Interaktion zu beschreiben. Feuer wird durch Wasser überwunden, wie kann diese Situation wieder ausgeglichen werden? Indem wir eine dritte Wandlungsphase hinzufügen! Hierfür gibt es zwei mögliche Arten der Interaktion.

Die Wandlungsphasen kontrollieren sich gegenseitig, wenn wir die Wandlungsphase Erde hinzufügen. Erde überwindet Wasser und Wasser überwindet Feuer. Die Interaktion der Kontrolle macht sich also den Kreislauf der Überwindung zu Nutze, somit wird ein Ausgleich erzeugt, der jedoch eher spannungsgeladen als harmonisch ist.

Die Interaktion der gegenseitigen Verwandlung erreichen wir, indem wir zwischen Feuer und Wasser die Wandlungsphase Holz hinzufügen. Wasser erzeugt Holz und Holz erzeugt Feuer. Die gegenseitige Verwandlung macht sich also den Kreislauf des Erzeugens zu Nutze, um zwischen zwei Wandlungsphasen zu vermitteln.

Durch diese Beispiele wird deutlich: Jede Wandlungsphase steht mit den anderen in dynamischer Verbindung und wird durch diese beeinflusst. Bis jetzt haben wir das System der fünf Wandlungsphasen als in sich geschlossenes System betrachtet, doch allein durch ihren Ausdruck in Yin und Yang-Qualitäten entstehen viele weitere Interpretationsmöglichkeiten.

 

Differenzierungen der Wandlungsphasen

Schriftzeichen der einzelnen Wandlungsphasen

Es gibt einige Systeme, die die fünf Wandlungsphasen noch weiter unterteilen und auf bestimmte Aspekte reduzieren. So wie die sogenannten zehn Himmelsstämme (Tiangan) sind die fünf Wandlungsphasen mit Yin und Yang-Polaritäten und die zwölf Erdzweige (Dizhi), die viele als die chinesischen Tierkreiszeichen kennen. Der Erdzweig Wu (Pferd) gehört zum Feuer, während der Erdzweig Zi (Ratte) die Wandlungsphase Wasser besitzt. Diese Systeme beschreiben auch die Jahreszeiten, Wachstumszyklen in der Natur und vieles mehr. Verbinden wir die Himmelsstämme und Erdzweige miteinander, erhalten wir 60 mögliche Kombinationen und diese 60 Kombinationen sind es, die den chinesischen Kalender ausmachen. Jedes Jahr, jeder Monat, jeder Tag und sogar jede Stunde (bzw. chinesische „Doppelstunde“) besteht aus einer Kombination der Himmelsstämme und Erdzweige.

Eine weitere Spezialisierung der Wandlungsphasen macht das System der hergeleiteten oder verborgenen Töne, Nayin, aus. Schon um etwa 500 – 200 v. Chr. soll Guiguzi, der „Meister des Geistertals“ das System der Nayin erarbeitet haben. Hier lassen Kombinationen der Himmelsstämme und Erdzweige insgesamt 30 verschiedene „Töne“ entstehen, sodass jede der fünf Wandlungsphasen noch einmal in sechs Kategorien eingeteilt wird. Dadurch entsteht etwa „Holz des Waldes“, „Feuer des Donnerschlags“, „Erde des Wegesrands“, „Metall im Meer“ oder „Wasser der Milchstraße“.

 

Die fünf Wandlungsphasen im Raum

Auf dem Feng Shui Kompass, Luopan, gibt es viele Zuordnungen der fünf Wandlungsphasen zu Himmelsrichtungen. Tatsächlich enthält der Großteil der Kompassringe Verweise auf die Wandlungsphasen, beispielsweise findet man viele verschiedene Anordnungen der Himmelsstämme und Erdzweige. Der Feng Shui-Klassiker Dili Wu Jue, auf Deutsch etwa „die fünf Verse der Erdstruktur“ von Zhao Jiufeng aus der Qing-Dynastie zählt allein sieben Arten der Darstellung der fünf Wandlungsphasen auf. Dazu gehören Verteilungen nach den Himmelsrichtungen, besondere Strukturen der Wandlungsphasen im Raum nach den sogenannten zwölf Qi-Phasen, sowie viele unterschiedliche Kombinationen der Himmelsstämme und Erdzweige. Tatsächlich gibt es weit mehr als nur sieben unterschiedliche Darstellungsweisen oder Verwendungen der fünf Wandlungsphasen im Feng Shui oder verwandten Systemen. Zusammen mit Yin und Yang bilden sie die Quintessenz der chinesischen Wissenschaften, auf die sich im Grunde alle Formeln und Berechnungsmethoden reduzieren lassen.

 

Raumgestaltung mit den fünf Wandlungsphasen

Die vielfältigen Assoziationen der fünf Wandlungsphasen ermöglicht die Übertragung der Qi-Muster von der abstrakten Berechnungsebene in die unmittelbare Wahrnehmung. Deshalb ist es möglich durch das Prinzip der Resonanz eine gezielte Balance der Wandlungsphasen in Ihren Räumen durch raumgestalterische Feng Shui-Maßnahmen herzustellen. Dies geschieht beispielsweise mit gezielten Farbakzenten oder Formen. Das System der fünf Wandlungsphasen ist so flexibel, dass tatsächlich jede persönliche Vorliebe berücksichtigt und jeder individuelle Geschmack getroffen werden kann.

 

Quellen:

Aylward, Thomas F. (2007): The Imperial Guide to Feng Shui & Chinese Astrology: The Only Authentic Translation from the Original Chinese. London: Watkins Publishing

Kubny, Manfred (2008): Feng Shui: Die Struktur der Welt. Klein Jasedow: DrachenVerlag GmbH

Zhao, Jiufeng & Chen Ziming (Hg.)(2010): Tujie Dili Wu Jue [Die illustrierten fünf Verse der Erdstruktur]. Shaanxi: Shanxi shifandaxue chubanshe

 

Dieser Artikel wurde verfasst von Felix Niakamal

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