Grundlagen des Feng Shui: Bagua, die acht Trigramme

Veröffentlicht am Freitag, 28. November 2014 von

Wenn Sie sich im Internet über Feng Shui informieren, stoßen Sie sehr schnell auf Schlagworte wie „das Bagua auflegen“, „Raum“-Bagua“, „Bagua-Raster“ oder die acht Trigramme. Was genau ist das Bagua eigentlich, was ist sein Ursprung und wie wird es im Feng Shui angewendet?

 

Der Ursprung der acht Trigramme

Die acht Trigramme, chinesisch Bagua, sind ein wichtiges Konzept aus der chinesischen Philosophie. Der mythische Kaiser und Urahn der Menschheit, Fu Xi, soll Urheber der Differenzierung von Yin und Yang in die acht Trigramme sein. Schriftliche Überlieferungen datieren bis in das 11. Jhdt. v. Chr. in die Zeit der Zhou-Dynastie, als König Wen (Zhou Wen Wang) die Trigramme studierte, zu den 64 Hexagrammen weiterentwickelte und die Grundtexte für das Buch der Wandlungen Yijing (I Ging, I Ching) verfasste.

 

Die Herleitung der acht Trigramme

Entstehung der acht Trigramme

Im letzten Artikel haben wir die Entstehung von Yin und Yang und ihre Abbildung im Diagramm des Taiji näher untersucht. Yin und Yang können auch durch Linien dargestellt werden: eine unterbrochene Linie für Yin und eine durchgehende Linie für Yang. In der Grafik oben sehen wir die weitere Differenzierung von Yin und Yang in konkrete Formen. Yin und Yang erschaffen die vier Bilder, altes und junges Yin und Yang. Diese Bilder bringen die Ebene der Zeit in das Konzept von Yin und Yang, denn diese vier Bilder zeigen uns, wie Yin und Yang, ähnlich wie die Phasen des Mondes, zunehmen und abnehmen. Die Extreme altes Yin und altes Yang sind Wendepunkte oder Pole, zwischen denen sich junges Yin und junges Yang bewegen. Die vier Bilder sind auch eine erste Differenzierung der vier Haupthimmelsrichtungen Norden, Süden, Osten und Westen.

Durch Hinzufügen einer weiteren Linie entstehen nun die acht Trigramme, Bagua. Hier finden wir wieder die drei Wirkungsebenen (mehr dazu im Artikel über Qi) als wichtiges Prinzip in der chinesischen Philosophie. Die unterste Linie eines Trigramms repräsentiert die Erde, die mittlere Linie den Menschen und die oberste Linie den Himmel. Die acht Trigramme stehen für das Prinzip des Wandels schlechthin und sind Sinnbilder der Ordnung des Universums und der Kräfte der Natur. Das Prinzip des Wandels wird dadurch deutlich, dass allein durch Ändern einer einzigen Linie eines Trigramms, von Yin zu Yang oder umgekehrt, ein völlig neues Trigramm entsteht. Durch die Verdoppelung der vier Bilder zu den acht Trigrammen können nun zusätzlich zu den vier Haupthimmelsrichtungen auch die vier Nebenhimmelsrichtungen Nordost, Nordwest, Südost und Südwest abgebildet werden.

Jedes Trigramm beinhaltet, je nach Kontext, eine Vielzahl an Bedeutungsebenen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Das Trigramm Qian (drei durchgehende Linien) symbolisiert das vollendete Yang des Himmels, Stärke, Schöpfungskraft, Männlichkeit, den Vater, den Herrscher, die Lunge, die Wandlungsphase Metall etc. Wie wir sehen besitzt bereits ein einziges Trigramm eine sehr große Bandbreite an Assoziationen, ganz zu schweigen von den Zuordnungen zu Jahreszeiten und Himmelsrichtungen, die nochmals abhängig von der räumlichen Anordnung der Trigramme sind. Bevor ich näher auf diese Anordnungen eingehe, sollte der Begriff des Trigramms oder Gua erklärt werden.

 

Was ist ein Gua?

Schriftzeichen Gua

Bei dem Begriff Gua (auch: Kua oder sogar KUA) denken wir zunächst an die acht Trigramme des Yijing. In diesem Zusammenhang wird oft von der Gua-Zahl (auch: Kua-Zahl) aus dem System des Bazhai, der acht Häuser (auch bekannt als Ost-West-System) gesprochen, der Trigramm-Nummer, die einem Menschen je nach Geburtsjahr zugeordnet wird. Ba ist die Zahl acht, ist Gua also das Trigramm? Doch auch die 64 Hexagramme des Yijing werden als Gua bezeichnet, was bedeutet dieses Wort also genau? Gua kann schlicht als Orakelzeichen oder Weissagungsdiagramm übersetzt werden. Wenn wir über Gua reden, hängt die genaue Bedeutung vom Kontext ab. Reden wir über unsere Gua-Zahl, ist ganz sicher ein Trigramm gemeint, unterhalten wir uns jedoch über das Yijing oder bestimmte Feng Shui-Techniken wie Xuankong Dagua, beziehen wir uns wahrscheinlich auf die Hexagramme. Das Wort Gua kann also nicht einfach mit Trigramm übersetzt werden, vielmehr ist „Trigramm“ eine kontextbezogene Interpretation.

 

Die acht Trigramme im Raum

Welche Verbindung gibt es nun zwischen den Orakelzeichen und konkreten Richtungen im Raum? Zwei numerologische Diagramme ermöglichen die Kombination der Trigramme mit Zahlen und Richtungen. Sie führen uns zu den bekannten Bildern der acht Trigramme in achteckiger Anordnung: Zum Xiantian Bagua (die acht Trigramme des frühen Himmels), das auf dem Hetu basiert und zum Houtian Bagua (die acht Trigramme des späten Himmels), das auf dem Luoshu basiert.

 

Die Diagramme des Hetu und Luoshu

Hetu

Der mythische Kaiser Fu Xi, der die acht Trigramme entwickelte, wird auch als Entdecker des Hetu, zu Deutsch „Fluss-Grafik“ angesehen. In der Grafik des Hetu links sind die geraden (Yin) und ungeraden (Yang) Zahlen von 1 bis 10 so verteilt, dass Yin und Yang stets in einem statischen Gleichgewicht sind. Auf dem Hetu basiert die Anordnung der acht Trigramme des frühen Himmels, das Xiantian Bagua, welches ein Sinnbild für den perfekt ausbalancierten statischen Zustand vor der Schöpfung ist. Unsere dynamische Welt wird jedoch repräsentiert durch das Luoshu mit der Anordnung der acht Trigramme des späten Himmels, chinesisch Houtian Bagua.

Luoshu, auf Deutsch etwa „Schrift[stück] des Luo-Flusses“, ist das magische Quadrat mit 3 x 3 Feldern (oder neun Palästen), dessen Zahlen sich horizontal, vertikal und diagonal stets zu 15 addieren. Die Zahl fünf steht dabei in der Mitte, somit ist die Summe jedes gegenüberliegenden Zahlenpaares zehn. Dieses Schema ist auch als das Siegel des Saturns bekannt. Die acht Trigramme werden hier den neun Palästen so zugeordnet, dass ihre Wandlungsphasen (oder Elemente, mehr dazu im nächsten Artikel) im Fluss sind. Auf der Grafik des Luoshu rechts sind die geraden (Yin) Zahlen schwarz und die ungeraden (Yang) Zahlen weiß. Die ungeraden Zahlen befinden sich auf der Horizontalen und Vertikalen, während die geraden Zahlen in den Diagonalen zu finden sind. Diese Abfolge von Yin und Yang macht die fließende und zyklische Natur dieses Konzepts besonders deutlich.

Luoshu

Luoshu und Hetu sind sich in der wörtlichen Übersetzung sehr ähnlich, doch die chinesischen Begriffe lassen sich klar unterscheiden. Während das Hetu ein numerologisches Sinnbild des perfekten (oder statischen) Zustands vor der Schöpfung ist, steht das Luoshu für die zyklische Bewegung des Qi, die alle Dinge hervorbringt. Das Diagramm des späten Himmels symbolisiert unsere dynamische Welt, in der Yin und Yang interagieren und sich in Zyklen wie den Jahreszeiten ausdrücken.

 

Anwendungen des Bagua im Feng Shui

Xiantian und Houtian Bagua in Farbe

In der Grafik sehen wir die Anordnung der acht Trigramme des frühen Himmels (innen) und des späten Himmels (außen) kombiniert; die Farben der Trigramme stehen für ihre jeweilige Wandlungsphase. In der Feng Shui-Praxis kommt in den meisten Fällen die (äußere) Anordnung der acht Trigramme des späten Himmels zum Einsatz: Im Norden steht das Trigramm Kan, im Süden Li, im Osten Zhen, im Westen Dui, usw.

Diese auf dem Luoshu basierende Anordnung ist es auch, die wir in der stark vereinfachten New Age-Methode des sogenannten „3-Türen-Bagua“ wiederfinden. Die Trigramme werden hier entweder in einem Raster von 3 x 3 Feldern von der Tür aus auf den Grundriss projiziert oder es werden die tatsächlichen Himmelsrichtungen zur Bewertung der sogenannten acht oder neun „Lebensbereiche“ (je nachdem, ob die Mitte mitgezählt wird oder nicht) herangezogen. Oft werden die Sektoren der Trigramme hier auf ein einziges Schlagwort oder „Lebensthema“ reduziert, wie etwa Reichtum, Karriere oder Partnerschaft. Die allseits beliebte „Reichtumsecke“, wie sie in vielen Büchern über Feng Shui beschrieben wird, stammt somit aus der Methode des „3-Türen-Bagua“. Wenn also die Rede ist „das Bagua aufzulegen“, von „Bagua-Rastern“ oder von „Lebensbereichen“, handelt es sich um diese stark vereinfachte Methode.

Im klassischen Feng Shui jedoch geht es um die Analyse und Bewertung differenzierter und sehr individueller Qi-Muster im Raum, sowie deren Abgleich mit der Lebensrealität des Menschen. Eine einzige Schablone, wie sie beim „3-Türen-Bagua“ eingesetzt wird, reicht nicht aus, um die komplexen Verhältnisse zwischen Mensch, Raum und Zeit zu erfassen, geschweige denn sie zu optimieren. Viele Methoden des klassischen Feng Shui beziehen sich zudem nicht nur auf die Anordnung der Trigramme des späten Himmels (Houtian Bagua), sondern vergleichen die Harmonieverhältnisse der Richtungen und Bereiche der Trigramme zusätzlich mit der Anordnung der Trigramme des frühen Himmels (Xiantian Bagua). Dies ist beispielsweise der Fall in der Technik des Bazhai (auch: Ost-West-System).

 

Quellen:

Bilder: Hetu und Luoshu, aus: Cheng Dayue (1606): Chengshi Moyuan [Der Tuschegarten der Familie Cheng]

Deng, Ming-Dao (2006): The Living I Ching: Using Ancient Chinese Wisdom to Shape Your Life. New York: HarperOne

Mak, Michael Y. & So, Albert T. (2011): Scientific Feng Shui for the Built Environment: Fundamentals and Case Studies. Hong Kong: University of Hong Kong Press

Sherrill & Chu (1977): An Anthology of I Ching. London: Routledge & Kegan Paul Ltd

Skinner, Stephen (2008): Guide to the Feng Shui Compass: A Compendium of Classical Feng Shui. Singapur: Golden Hoard Press.

 

Dieser Artikel wurde verfasst von Felix Niakamal

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