Die Rolle des Wassers im klassischen Feng Shui

Veröffentlicht am Freitag, 4. September 2015 von
Wasser im Feng Shui

Wasser ist ein zentrales Thema innerhalb der Theorien des klassischen Feng Shui. Der Großteil der Formeln der Kompassschule beschäftigt sich mit der Analyse des Einflusses von Wasserläufen oder Wassersammlungen und auch die Formschule legt großen Wert auf die Beschaffenheit und Form von Flüssen und Seen in der Landschaft. Zudem ist Wasser eine der fünf Wandlungsphasen und nimmt im Daodejing (Taoteking) eine wichtige Stellung als Lebensspender und Stellvertreter des Yin-Prinzips, ist es doch weich und schwach und trägt trotzdem hartes Gestein ab. Auch im Namen dieser chinesischen Technik der Raumanalyse ist Wasser enthalten, denn Feng Shui bedeutet wörtlich „Wind Wasser“. Doch ist Wasser auch in der modernen Praxis von Bedeutung und haben die sich darauf beziehenden Feng Shui Formeln heute noch ihren Stellenwert, wo wir in unseren Städten selten an echten Gewässern leben?

 

Wasser in der Formschule

Ursprünglich lag der Fokus des Feng Shui, zu Beginn auch als Kan Yu (Umschreibung für die Analyse des Wegs des Himmels und der Erde) oder Di Li (wörtlich „Erdstruktur“) bekannt, auf der Suche nach dem perfekten Standort für die Errichtung von Grabstätten. Der Begriff „Feng Shui“ stammt aus dem Werk Zangshu, dem „Buch der Gräber“ des Gelehrten Guo Pu (276-324 n.Chr.), dort heißt es:

Das Qi reitet den Wind (Feng) und zerstreut sich, trifft es auf Wasser (Shui), so staut es sich. Die Vorväter sammelten das Qi, auf dass es sich nicht zerstreut und sie leiteten es so, auf dass es sich staut. Deshalb nannten sie es Wind und Wasser (Feng Shui).

Der Begriff Feng Shui, Wind und Wasser steht also nicht für „die zwei Urkräfte von Wind und Wasser“ oder „die unsichtbare Energie Wind und die sichtbare Energie Wasser“, wie es oft falsch dargestellt wird. Vielmehr beschreibt der Begriff die Natur und Nutzbarkeit des Lebenskraftkonzepts Qi, Feng Shui ist also die Methode, Qi in der Umgebung zu analysieren und das Potenzial der Landschaft zu nutzen. Wasser und Qi haben offensichtlich eine besondere Beziehung zueinander. An späterer Stelle stellt das Zangshu fest:

Qi ist die Mutter des Wassers, wo Qi ist, da gibt es auch Wasser und wo Wasser ist, da gibt es auch Qi.

Der Feng Shui Klassiker Shan Yang Zhi Mi, „Wegweiser durch Berg und Ozean“ von Zhou Jingyi aus dem 15. Jhdt. bezieht sich direkt auf diese Aussage des Zangshu und verdeutlicht den Zusammenhang zwischen Wasser und Qi:

Qi ist die Mutter des Wassers und Wasser ist das Kind des Qi. Wo Qi ist, da gibt es auch Wasser und wo Wasser ist, da ist Qi. Qi ist formlos und deshalb schwerlich sichtbar, doch durch die Spuren des Wassers kann man es aufspüren. Fließt das Wasser, dann fließt das Qi. Sammelt sich Wasser, so steht das Qi still. Umarmt das Wasser [eine Stelle], dann wird das Qi dort bewahrt. Wo Gewässer zusammenfließen wird Qi gespeichert.

Als wertvoller Siedlungsplatz für den Menschen gilt ein Standort, der dank der Beschaffenheit des Gewässers Qi halten kann. Eine ideale Feng Shui Position in der Landschaft ist deshalb hinten und seitlich windgeschützt und vorne von einem Gewässer begrenzt. Sie zeichnet sich immer auch durch eine besondere Fruchtbarkeit aus.

Die ideale Formschule

Die traditionell wichtige Rolle des Wassers können wir noch an weiteren Punkten festmachen. Ein adäquates Gewässer versorgt die Anwohner mit Trinkwasser und ermöglicht Hygiene und Gesundheit, es ist somit die Lebensgrundlage schlechthin. Es kann viele Menschen gleichzeitig versorgen und ermöglicht unter diesem Aspekt das Gründen einer Familie. Wasser sorgt auch für einen urbaren Boden und ermöglicht die Ernährung der Familie. Gleichzeitig dient das Gewässer als Transportweg und bietet ideale Voraussetzungen für einen florierenden Handel. Es ist kein Zufall, dass an Flüssen gelegene Städten zu Handelsmetropolen wachsen können und entscheidend zum Wohlstand eines Landes beitragen. Kurz gesagt steht Wasser oder das Wasserprinzip an sich im Feng Shui für Gesundheit, Fruchtbarkeit und Wohlstand.

Feng Shui beschäftigt sich jedoch nicht nur mit der Nutzung positiver Landschaftsformen, sondern auch mit dem Erkennen und Vermeiden negativer Orte. An einem reißenden Fluss lebt es sich gefährlich und ein stehendes Gewässer ist eine Brutstätte für Insekten, die kein trinkbares Wasser liefert. So unterschiedlich die Gewässer in der Natur sind, so unterschiedlich ist auch die Qualität des Qi dort. Je nach System im klassischen Feng Shui gibt es verschiedene Abstufungen von Qi und nicht jede Qualität davon ist günstig und nutzbar für den Menschen. Je nach Landschaftsform und Bezugspunkt können die Verhältnisse so ungünstig sein, dass negative Auswirkungen auf Gesundheit, Fruchtbarkeit und Wohlstand prognostiziert werden können. Feng Shui hilft jedoch dabei, ungünstige Stätten zu vermeiden und das Potenzial eines guten Standorts auszuschöpfen. Deshalb untersucht die Formschule die Gestalt, Form und Strömung eines Gewässers und bewertet die Landschaft nach ihrer Fähigkeit, Qi zu bewahren.

 

Die Formschule und das Leben in der Stadt

Das Wasserprinzip des Feng Shui in der Stadt
© beboy / Shutterstock.com

Welchen Nutzen hat dieser Aspekt der Formschule heute noch, wo die meisten Menschen in Städten und entfernt von offenen Gewässern leben? Im klassischen Feng Shui differenziert man zwischen physischem Wasser und virtuellem Wasser. Als virtuelles Wasser gelten dabei Strukturen in der Umgebung, die aufgrund ihrer Funktion, Form und Beschaffenheit eine ähnliche Rolle wie das physische Wasser im Sinne der klassischen Texte der Formschule aufweisen. Damit ist nichts anderes gemeint als unsere Straßen. Als „Pulsadern der Stadt“ lassen sich die meisten der Bewertungskriterien von Gewässern auch auf Straßen übertragen.

Die Gültigkeit dieser Bewertungskriterien der Formschule in Bezug auf Straßen lässt sich einfach beweisen. Sicher kennen Sie Geschäfte in Ihrer Stadt, die ständig den Besitzer wechseln und sich einfach nicht lange halten können? Oft lässt sich beobachten, dass solche Immobilien nach den Kriterien der Formschule sehr ungünstig liegen und es deshalb aus Feng Shui Sicht keine Überraschung ist, dass Geschäfte sich dort nicht halten können. Neben der Formschule beschäftigt sich jedoch auch die Kompassschule sehr differenziert mit Wasser und dem Wasserprinzip.

 

Wasser in der Kompassschule

Die Kompassschule geht einen Schritt weiter bei der Bewertung von Gewässern in der Landschaft. Viele Formeln der Kompassschule gehören der Kategorie Shuifa, auf Deutsch „Wassertechniken“ an. Sie bewerten nicht nur die Gestalt und Form, sondern setzen die Positionen des Zuflusses, der Sammlung und des Abflusses des Gewässers in Relation zu einem Bezugspunkt (Grundstück, Haus oder ähnliches). Als Feinabstimmung zur grundsätzlichen Analyse durch die Formschule, ermöglicht die Kompassschule sehr differenzierte Aussagen über die Auswirkungen der Umgebungsfaktoren auf den Menschen. Mithilfe ihrer Techniken können schon bei der Suche eines Grundstücks die besten Standorte für das neue Eigenheim oder das Unternehmen ermittelt werden.

Auch Techniken zur Analyse von Räumen (innen und außen) wie Bazhai, das Ost-West-System und die fliegenden Sterne legen ein besonderes Augenmerk auf Wasser, bzw. das Wasserprinzip. In der Fachsprache der Technik der fliegenden Sterne wird dieser Schwerpunkt besonders deutlich, denn ein wichtiger Bestandteil eines Qi-Musters der fliegenden Sterne ist der sogenannte Wasserstern. Innerhalb des Qi-Musters steht er für das aktive (Yang) Potenzial im Raum.

Da die Kompassschule sehr differenzierte Techniken zur Umgebungsbewertung bietet, können diese auch ausgezeichnet zur Planung von Zuwegen und Straßen, Gärten, Teichen und Wasseranlagen verwendet werden. So kann das Potenzial eines der Umgebung voll ausgeschöpft und bestmögliche Verhältnisse für die Bewohner geschaffen werden.

 

Dieser Artikel wurde verfasst von Felix Niakamal

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